Baptistengemeinden im dt. Kaiserreich
Predigerseminar (oben), Scheve (u.)
Will man die gesellschaftliche Rolle des deutschen Baptismus charakterisieren, dann ist ein vergleichender Blick nach Großbritannien hilfreich. Dort erlebte das Freikirchentum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Infolge ihrer langen Auseinandersetzungen mit der Staatskirche hatten die „Nonkonformisten“ (Baptisten, Quäker, Methodisten) ein tief verwurzeltes Freiheitsbewußtsein, das sich mit einem Streben nach praktischer Heiligung verband. Beides zog Kreise an, die nach politischer Emanzipation, sozialem Aufstieg und moralischer Orientierung strebten. Die „Nonkonformisten“ standen an der Spitze der großen sozialen Reformbewegungen. Als progressive und überproportional einflussreiche Minderheit zählten die Freikirchler zur Stammwählerschaft der linken „Liberal Party“, für die übrigens der Baptist Charles H. Spurgeon, der berühmteste Prediger seiner Zeit, unverhohlen Wahlwerbung betrieb. Nach 1880 begann sich das freikirchliche Lager im Streit über die Inspiration der Bibel und die Evolutionslehre zu spalten und büßte, innerlich uneins, innerhalb der folgenden Jahrzehnte seine Rolle als „Gewissen“ der britischen Gesellschaft allmählich ein.
Im Vergleich zu ihren angelsächsischen Glaubensgenossen schlugen die zeitgenössischen deutschen Baptisten gesellschaftlich eher leise Töne an. Sie wollten nicht als selbstbewusste Nonkonformisten, sondern als vorbildliche Untertanen wahrgenommen werden — dahinter mochte auch die Furcht nach erneuten Unterdrückungsmaßnahmen stehen. Die großen gesellschaftlichen Themen, z.B. die Forderungen nach Verbesserung der Lage der Industriearbeiter und nach Einführung des Frauenwahlrechts, waren in Deutschland von der überwiegend kirchenfernen Sozialdemokratie besetzt. Ebenso wie die erwecklichen Kreise der Evangelischen Allianz sahen die deutschen Baptisten in den sozialen Reformbewegungen nicht Verbündete, sondern Konkurrenten, ja zuweilen eine Bedrohung der gottgewollten Ordnung. Und darunter verstand man vor allem die Monarchie mit einem frommen Kaiser als Haupt. So dankte die Bundeskonferenz 1888 dem neuen Kaiser Wilhelm II. mit aufrichtiger Begeisterung, daß er sich zu den „erhabenen, durch Gottes Wort sanktionierten Grundsätzen“ des „erlauchten Herrscherhauses der Hohenzollern“ bekannte. Kritik am bigotten Staatskirchentum der wilhelminischen Zeit, dem Schlussakt jener Jahrhunderte langen „Ehe von Thron und Altar“, lag den meisten deutschen Baptisten fern. Ihrem „frommen“ Kaiser blieben sie auch dann noch treu, als dieser im Begriff stand, das Land in den Ersten Weltkrieg zu reißen.
Prof. Dr. Martin Rothkegel
Theologisches Seminar (FH) Elstal /
Gemeinde Berlin-Wedding